KOMMT... - Suchtkrankenhilfe Crottendorf e.V.

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Bibel und Alkohol

von Pastor Andreas Hertig

Das Zeugnis des Alten Testaments

Der Anbau von Weintrauben hatte in Israel immer eine große Bedeutung gehabt. Wahrscheinlich gaben die Knappheit und die häufige Verunreinigung des Wassers den eigentlichen Anstoß zur Weinherstellung. Das Klima sowie die Landschaftsform boten dafür gute Bedingungen.

Wein war ein für alle Bevölkerungsschichten gebräuchliches Getränk, nicht nur bei Festen, sondern auch bei ganz normalen Mahlzeiten, selbst als Reiseverpflegung.
Der hohe Stellenwert des Weines im Leben der Hebräer zeigt, dass die grundsätzliche Haltung ihm gegenüber im wesentlichen positiv war. Er galt als eine der guten Gaben Gottes für sein Volk, „um das Herz der Menschen zu erfreuen“ (Psalm 104,15).
Aber die Israeliten waren sich auch des möglichen Unheils bewusst, das aus dem Mißbrauch des Weins entstehen konnte. Auf die Trunkenheit wird im Alten Testament häufig angespielt, und ihre wohlbekannten Begleiterscheinungen werden mehr als einmal anschaulich geschildert:

  • Der Prophet Amos klagt die Frauen Samariens öffentlich an, die ihre Männer aus Gier nach Wein nötigen, die Armen zu unterdrücken, um sich Geld für den Wein zu beschaffen (Amos 4,1).
  • Habakuk warnt, dass „Wein trügerisch ist“ (Habakuk 2,15).
  • Hosea beklagt, dass „Hurerei, Wein und Trunk toll machen“ (Hosea 4,11).
  • Jesaja ruft sein „Wehe“ über die aus, die „des Morgens früh auf sind, dem Saufen nachzugehen, und sitzen bis in die Nacht, dass sie der Wein erhitzt“ (Jesaja 5,11.22)
  • ?    Nichts als Unheil erwartet das Volk, dessen geistliche Führer, die Priester und Propheten, „von starkem Getränk taumeln und vom Wein verwirrt sind“ (Jesaja 28,7).
  • Das Buch der Sprüche ist sich der Gefahren des Weines besonders bewusst und warnt wiederholt vor seinem Genuß:
  • „Es ziemt den König nicht, Wein zu trinken, noch den Fürsten, starkes Getränk zu begehren. Sie könnten beim Trinken des Rechts vergessen und verdrehen die Sache aller elenden Leute“ (Sprüche 31,4).
  • „Der Wein macht Spötter, starkes Getränk macht wild“ (Sprüche 20,1).
  • Trunksucht führt bestimmt zur Armut (Sprüche 23,1).
  • Und schließlich die bekannteste Stelle aus Sprüche 23, 29-33: „Wo ist Weh? Wo ist Leid? Wo ist Zank? Wo sind Wunden ohne jeden Grund? Wo sind trübe Augen? Wo man lange beim Wein sitzt und kommt, auszusaufen, was eingeschenkt ist. Sieh den Wein nicht an, wie er so rot ist und im Glas so schön steht: Er geht glatt ein, aber danach beißt er wie eine Schlange und sticht wie eine Otter. Da werden deine Augen seltsame Dinge sehen, und dein Herz wird Verkehrtes reden.“


All diese Warnungen sind gegen das Übel des übermäßigen Trinkens gerichtet. Nirgendwo im Alten Testament wird eine grundsätzliche Abstinenz als eine für alle geltende Regel vorgeschrieben.

Lehre und Praxis im Neuen Testament

Was für das Alte Testament gilt, wird auch im Neuen Testament deutlich: Wein war ein weit verbreitetes normales Getränk. Wir lesen zudem davon, dass Wein für medizinische Zwecke verwendet wurde, um die Wunden zu säubern (im Gleichnis vom barmherzigen Samariter in Lukas 10,34). Dann gab es auch den Brauch, zum Tode Verurteilten zur Schmerzbetäubung Wein zu geben, der mit Kräutern versetzt war (z.B. Markus 15,23).
Wie Jesus zum Alkohol stand, ist natürlich von besonderem Interesse: Zunächst kann man sagen, dass er als Jude in bezug auf den Wein der Praxis gefolgt ist, wie das in dieser Gegend üblich war. Von seinen Feinden wurde er  sogar beschuldigt, ein notorischer Trinker zu sein (Matth. 11,19; Lukas 7,34). Das war eine Verleumdung, aber es zeigt, dass sich Jesus des Weingenusses nicht enthielt. Das wird bestätigt durch das Wunder, das Jesus auf der Hochzeit zu Kana bewirkte, als er ganz bewusst den verfügbaren Weinvorrat für dieses Fest vergrößert hat (Joh. 2,1-11).
Wenn Jesus auch kein Abstinenzler war, so warnte er doch vor der Trunkenheit. Er warnt seine Hörer in den Endzeitreden: „Hütet euch aber, dass eure Herzen nicht beschwert werden mit Fressen und Saufen und mit Sorgen der Nahrung und dieser Tag nicht über euch komme wie ein Fallstrick“ (Lukas 21,34).

  • Eine der Voraussetzungen für das Amt des Diakons ist, dass der Kandidat „nicht dem Wein ergeben“ sein darf (1. Tim. 3,8).
  • Ebenso darf ein Anwärter auf das Amt des Bischofs kein Trinker sein (1. Tim. 3,3).
  • Titus wird eingeschärft, den alten Frauen in der Gemeinde auf Kreta zu gebieten, „nicht Sklaven des Trinkens“ zu sein (Titus 2,3).
  • Diese Anweisungen verbieten nicht jeglichen Weingenuss, aber sie versuchen doch, ihn einzuschränken.
  • Trunkenheit stört die Gemeinschaft:
  • Paulus ermahnt die Christen in Ephesus, ihre Begeisterung nicht in Trunkenheit und ausschweifendem Leben zu suchen, das damit einhergeht, sondern dem Heiligen Geist zu erlauben, sie mit wahrer christlicher Freude zu erfüllen (Epheser 5,18).
  • Die Trunkenheit gehört zur Welt der Finsternis und ist nicht angemessen für die Kinder des Tages, der bald in vollem endzeitlichem Glanz heraufziehen wird. Deshalb sollen Christen die Trunkenheit ablegen und als Menschen leben, die zur neuen Welt Gottes gehören (Römer 13, 11-14).

 

Grundlinien neutestamentlicher Ethik

Das Kommen Christi und die damit verbundene Einsetzung einer neuen Lebensordnung bilden für das ethische Handeln den Bezugsrahmen. Das menschliche Verhalten muss sich an dem orientieren, was Gott in Jesus Christus geoffenbart hat als Vorbild für das Leben und als unsere Bestimmung.
Das Ziel der neutestamentlichen Ethik ist die Bereicherung und Erfüllung des menschlichen Lebens im umfassenden Sinn. Tief im Menschen ist ein Durst nach Leben. Das Evangelium spricht diese innerste Sehnsucht an. Jesus erklärt, dass er gekommen ist, damit die Menschen „Leben und volle Genüge haben“ (Joh. 10,10). Wenn wir mit ihm leben, haben wir genug, haben wir alles, was wir brauchen. Wir können und sollen dann ein suchtmittelfreies Leben führen. Jesus lehrt uns, nichts mehr mit der Gottlosigkeit oder den Wünschen dieser Welt zu tun zu haben, sondern hier und jetzt „ein Leben zu führen in Selbstbeherrschung, in Liebe zu den Menschen und in Ehrfurcht vor Gott“ (Titus 2,12). Wir sind berufen, in einer Weise zu leben, die „des Evangeliums von Christus würdig ist“ (Philipper 1,27).
Das Neue Testament legt wie das Alte Testament keinen Wert auf Askese an sich, als ob sich in ihr ein höherer Grad an Heiligung zeige. Die geschaffene Weltordnung und unsere normale Verflechtung in diese Weltordnung ist an sich nicht schlecht. Sie ist vielmehr Gottes gute Gabe für uns und soll zu unserem Wohlergehen und Glück beitragen. Erlösung heißt nicht, Flucht aus dem normalen Leben in der Welt, sondern Befreiung und Bereicherung des Lebens.
Wir sind auf die Gemeinschaft mit Gott hin geschaffen. Jedes Handeln, das der Verwirklichung dieses großartigen Ziels unseres Lebens entgegensteht, muss entschlossen abgelegt werden. Alles, was den Heiligen Geist verletzt oder den Leib, der ein Tempel des Heiligen Geistes sein soll, kann nicht geduldet werden. Alles, was verhindert, dass sich seine Größe in unserem Leben widerspiegelt, muss gemieden werden. Alles, was uns zu überwinden droht und uns gefangennehmen will, so dass wir Gott nicht rückhaltlos dienen können, darf keinen Platz in unserem Leben haben.
Die christliche Freiheit ist also nicht die Möglichkeit, das zu tun, was man will, sondern die Freiheit, das zu tun, was man nach Gottes Willen tun soll. Als die Korinther sich stolz brüsteten, dass „alle Dinge erlaubt sind“, erinnerte Paulus sie daran, dass „nicht alle Dinge auferbauen“ - als Leitlinie dabei gilt: „Niemand suche das Seine, sondern was dem anderen dient“ (1. Korinther 10,23ff.). Auf dem Hintergrund dieses Gedankens sagt Paulus etwas über den Genuss von Wein: Der Christ soll so handeln, dass er keinem „Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereitet. Wenn aber dein Bruder um deiner Speise willen betrübt wird, so handelst du nicht mehr nach der Liebe. Bringe nicht durch deine Speise den ins Verderben, für den Christus gestorben ist. Es ist besser, du ißt kein Fleisch und trinkst keinen Wein und tust nichts, woran sich dein Bruder stößt“ (Römer 14, 13.15.21).
Schlussfolgerungen
Wir haben uns einen kurzen Überblick über die biblische Praxis und Lehre im Blick auf den Weingenuss verschafft. Zu welchen Schlussfolgerungen hat uns diese Untersuchung gebracht?
Es ist klar, dass der Wein in der jüdisch-christlichen Gemeinschaft in aller Freiheit gebraucht wurde. Obwohl sich einzelne des Weingenusses für unterschiedlich lange Zeiträume enthielten (z.B. in Fastenzeiten), wurde eine grundsätzliche Abstinenz in biblischer Zeit nicht gelehrt. Die Mäßigung wurde jedoch mit Nachdruck betont. Die Trunkenheit wird durch die ganze Schrift hindurch nachdrücklich verurteilt. Jedoch kommt keiner der Texte darauf zu sprechen, weshalb jemand trinkt. Es wird kein Versuch unternommen, psychologische oder soziologische Analysen anzubieten. Die Verfasser begnügen sich damit, das nach außen sichtbare Verhalten zu beschreiben und es entsprechend zu bewerten.

Im Blick auf die Übertragung auf unsere heutige Zeit sind folgende gewichtige Unterschiede zur biblischen Zeit zu beachten:

  • Der Wein in biblischer Zeit war kein destilliertes, hochprozentiges Getränk, sondern wurde durch einen natürlichen Gärungsprozess gewonnen. Der Alkoholgehalt ging wahrscheinlich nicht über 5-8% hinaus.
  • Die Wirksamkeit wurde zudem durch die Gewohnheit gemindert, Wein mit Wasser zu mischen.
  • Auch wurde der Wein meistens zu den Mahlzeiten getrunken. Das moderne Wirtshaus war damals noch unbekannt. So geschah das Trinken von Wein in der Regel zu vorgegebenen Zeiten und im kontrollierten Rahmen der Familie.
  • Darüber hinaus waren in solchen Fällen, in denen doch Trunkenheit auftrat, die unseligen sozialen Konsequenzen geringfügig im Vergleich zu den Folgen, die die Trunkenheit in der hochtechnisierten, modernen Gesellschaft unserer Tage mit sich bringt. Um nur ein Beispiel zu nennen: In der alten Welt war der Pferdewagen das schnellste Fahrzeug. Selbst wenn der menschliche Verstand durch den Genuss von viel Wein getrübt war, übernahm vielleicht der „gesunde Pferdeverstand“ die Sache und verhinderte ernstliche Folgen. Die Situation ist heute eine ganz andere, wenn ein alkoholbenebeltes Gehirn die Kontrolle über ein schnelles Auto verliert und so oft nicht nur das eigene Leben fahrläßig gefährdet wird.

 

Wir sehen also: Unsere Situation heute ist doch ganz anders als in biblischer Zeit:

  • Die alkoholischen Getränke sind härter, haben einen höheren Alkoholgehalt als damals.
  • Getrunken wird weitgehend außerhalb von Mahlzeiten im familiären Rahmen in Kneipen, Pubs, an Tankstellen und Bushaltestellen.
  • Zu kaufen sind solche Getränke an jeder Ecke (fast) rund um die Uhr.
  • Die Getränke sind nicht dazu da, um eine normale Flüßigkeitsmenge aufzunehmen, damit der Durst gestillt ist, sondern werden aus Genuss getrunken, vielmehr als eigentlich nötig wäre, oft exzessiv.
  • Und nicht zuletzt: Der Genuss von Alkohol macht viele Menschen abhängig und führt sie in die Alkoholkrankeit, macht sie zum Alkoholiker. Die Bibel spricht davon noch nicht – sie beschreibt nur, wie sich das „Besoffensein“ anfühlt und dass es einem selbst und der Gemeinschaft schadet etc. - , aber heute wissen wir darüber sehr viel (Krankheitsverlauf, soziale Folgen, Kosten für die Gesellschaft etc.).
  • Das Anstoßen mit Sekt bei jeder nur möglichen Gelegenheit ist eine Sache, die zeigt, dass der Alkoholgenuss zu etwas ganz Normalem geworden ist, auch „zwischendurch“ mal auf Arbeit... Ich kenne einen Politiker, dem genau das zum Verhängnis geworden ist. Er sagt von sich selbst, dass diese „Empfänge“ ihn letztlich in die Abhängigkeit geführt haben.


Können wir also aus der biblischen Betrachtung so einfach ableiten, dass Christen heute ruhig alkoholische Getränke genießen können? Ich denke nicht, dass wir das so bedenkenlos tun können, weil die Unterschiede zur biblischen Zeit, wie eben beschrieben, sehr groß sind. Wenn wir alles, was wir heute über die körperlichen und sozialen Auswirkungen des Alkoholgenusses wissen, im Licht der Offenbarung von Gottes Willen im Evangelium prüfen, dann gibt es zumindest stichhaltige Gründe für ein abstinentes Leben:

  • Entgegen der allgemeinen Auffassung ist Alkohol kein Anregungs- sondern ein Beruhigungsmittel. Er beeinflusst den Körper wie jedes andere narkotisierende oder schmerzstillende Mittel. Er beseitigt Hemmungen und bringt einen Menschen dazu, Dinge auszusprechen oder zu tun, die normalerweise als nicht in Ordnung angesehen werden. Er beeinträchtigt das Urteilsvermögen und verlangsamt die Reaktionen. Er schwächt das Erinnerungsvermögen und lässt falsche Selbstsicherheit entstehen. Er bietet eine Flucht aus den Realitäten des Lebens an, die im Augenblick verlockend erscheint, aber keine befriedigende Lösung ist. Ein Grund für die Abstinenz liegt also darin, dass man seinem Körper keine Getränke zuführen möchte, welche die Leistungsfähigkeit von Körper und Geist eher schwächen als stärken.
  • Selbst wenn der persönliche Konsum alkoholischer Getränke in Grenzen gehalten werden kann, gibt es einen zweiten wichtigen Grund, warum manche Christen ein abstinentes Leben führen: Sie legen Wert darauf, durch das eigene Beispiel der Abstinenz es anderen leichter zu machen, nein zu sagen. Unser Verhalten heute wird weitgehend durch sozialen Druck bestimmt. Heute, wo das Trinken in der Gesellschaft überall als normales Verhalten anerkannt ist, erfordert Abstinenz häufig mehr Mut, als manche Menschen von sich aus aufbringen können. Und nicht alle können kontrolliert trinken. Als Christen sollten wir uns deshalb ernsthaft fragen, ob es nicht unsere Aufgabe sein könnte, es anderen leichter statt schwerer zu machen, der Alkoholabhängigkeit zu entgehen.
  • Ein Letztes: Die Freiheit, zu der uns Christus befreit hat, ist nicht das Recht, trinken zu dürfen, sondern die Freiheit, nicht mehr trinken zu müssen, um Spannungen abzubauen, die Geselligkeit zu fördern oder das Selbstwertgefühl zu stärken. Im christlichen Glauben und in der christlichen Gemeinschaft liegen genügend Kraftquellen, um Christen das Bearbeiten ihrer Probleme zu ermöglichen, ohne dabei auf die „Hilfe“ zurückzugreifen, die alkoholische Getränke „versprechen“. Diese zwanglose Freiheit, die tief in Christus verwurzelt ist, und täglich durch seine Macht und Gnade gehalten wird, können wir dankbar auch anderen vorleben.


Ich führe aus Überzeugung ein abstinentes Leben. Ich tue dies aus den genannten Gründen, ohne daraus ein Gesetz für alle Christen ableiten zu wollen. Ein kräftiger Denkanstoß sollten die Schlussfolgerungen unseres Themas jedoch für alle Christen sein.


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Quelle: Howard H. Charles „Bibel und Alkohol“, Blaukreuz Verlag Wuppertal 1986, ISBN 3-89175-006-4

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